Leseprobe Die Buddha-Statue

1. Die Statue


Freitag, 25.1.2008

    Obwohl sein Blick leicht nach unten gerichtet war, fühlte Elaine sich von ihm beobachtet. Sein schmales, glattes Gesicht, mit Lidschatten und Lippenstift geschminkt, erinnerte sie an das eines jungen Mädchens. Doch das auf die Schultern fallende Haar, geschmückt mit einem Kranz aus Gold und Türkis, wirkte androgyn. Besonders fasziniert war sie von seiner Körperhaltung, die ein Gleichgewicht zwischen Konzentration und Entspannung darstellte. Er saß aufrecht im Lotossitz, die schlanke Taille wie ein Bogen gespannt. Neben seiner linken Schulter schwebte ein Buch auf einer Lotosblüte, die Handfläche zeigte nach vorne. Damit schien er ausdrücken zu wollen: So nicht, meine Freundin! Seine Rechte hielt ein Schwert hoch, doch Elaine konnte sich unmöglich vorstellen, er würde jemanden verletzen. Seine Absicht bestand vielmehr darin, richtiges und falsches Handeln voneinander zu trennen. Es schien undenkbar, dass ihn jemals Zweifel oder ein Gefühlsausbruch erschüttern könnten. Sie hatte den Eindruck, vor einem König zu stehen, der seine Macht mit freundlicher Entschlossenheit ausübte. Dies war schließlich Manjushri, die Verkörperung der Weisheit im tibetischen Buddhismus.
    Elaine seufzte. Wie gerne würde sie sich eine Scheibe von diesen Eigenschaften abschneiden, wünschte sich manchmal ein Buch, in dem sie die richtige Entscheidung nachschlagen konnte. Diese Manjushri-Statue wirkte auf Elaine so lebendig, als säße ein Mensch aus Fleisch und Blut vor ihr, nicht nur weil aufgrund der Größe leicht ein Erwachsener hineinpassen könnte oder wegen der detaillierten Verarbeitung. Dabei war die Plastik mit Sicherheit nicht sehr alt, höchstens zweihundert Jahre. Außerdem hatte sie einige Beulen und am Sockel war die Farbe abgeblättert. Sie war etwas Besonderes. Wann und wo mochte sie entstanden sein? Welche Bedeutung hatte sie für ihre Besitzer gehabt? Das würde Elaine wohl nie erfahren, wie so oft. Wenigstens auf die Übersetzung der Inschrift am Fuße der Plastik musste sie nicht mehr lange warten.

    Kurz darauf winkte ihr ein Mann in ihrem Alter mit dunklem Teint und tiefliegenden Augen durch die vergitterte Glastüre zu. Das musste der Tibeter sein, auf den sie wartete. Seine schwarzen, mit grauen Strähnen durchzogenen Haare waren nach hinten gekämmt. Das Kinn war markant, aber die Gesichtszüge insgesamt weich. Seinen orange-grau karierten Pullover und die ausgebeulte Jacke hatte er wahrscheinlich vor Jahren in einem Textildiscounter erstanden. An seiner Schulter hing eine verwaschene, weinrote Stofftasche. Einzig die Stickerei darauf, die einen bunten, baldachinähnlichen Schirm darstellte, zeugte von Geschmack.
    Warum kleidet ein gutaussehender Mann sich so geschmacklos?, fragte Elaine sich.
    Als sie die Tür aufschloss, wehte ihr der Duft seines Rasierwassers entgegen, eine schwere Basisnote mit darüberliegenden Nuancen von Exotik.
    „Sie sind sicherlich Herr Senge.“
    „Und Sie Frau Sonntag?“
    Sein Lächeln wirkte warmherzig, sein Händedruck fühlte sich kraftvoll an.
    „Was für ein schöner Name! Ihr gelbes Kleid passt hervorragend dazu.“
    Bewundernde Blicke war sie gewohnt, doch dieses Lob war ihr zu billig. Außerdem war sie viel zu oft für ihren Nachnamen gehänselt worden, selbst ihr Freund riss Scherze darüber. Sie zog ihre Hand zurück und schüttelte den Kopf. „Das ist nichts Besonderes.“
    „Oh Entschuldigung! Dies ist für mich mehr als eine Höflichkeitsfloskel. Ich bin an einem Sonntag geboren, deshalb lautet mein erster Name Nyima, das bedeutet Sonne.“
    Zumindest war er sensibel genug, um zu merken, wann er sich im Ton vergriff. Sie horchte auf. Exotische Namen interessierten sie.
    „Ich heiße mit Vornamen Elaine, das ist die französische Form von Helen und das wiederum ist abgeleitet vom griechischen Wort Helios, die Sonne. Aber das hat nichts zu bedeuten, den Namen haben meine Eltern ausgesucht.“
    „Oh, das wird einen Grund gehabt haben. Ich glaube, wir haben einiges gemeinsam.“ Er schenkte ihr ein strahlendes Lächeln.
    Wieder eine plumpe Bemerkung. Vielleicht kam das bei tibetischen Frauen an, das war ihr auch egal. Sie deutete in den großen Saal. „Wenn Sie mir bitte folgen möchten!“ Dann marschierte sie los. Die Begutachtung der Statue würde nicht lange dauern. Dann könnte sie noch einmal Errol anrufen und fragen, ob er etwas Neues über Jeannette erfahren hatte. Hoffentlich musste sie nicht ins Gefängnis und hoffentlich würde der Schadenersatz für die Unfallautos nicht zu teuer werden!
    Als sie sich nach ein paar Schritten umdrehte, stand Herr Senge vor dem Maharadschabild und murmelte: „Eine großartige Arbeit.“
    Dass er ausgerechnet ihr Lieblingsbild bewunderte, versetzte ihr einen Stich. „Das ist derzeit unsere wertvollste Seidenmalerei, Sie haben einen guten Geschmack.“
    Sein Blick schien zu sagen: „Nicht nur was Kunst betrifft.“
    Mit der linken Hand zupfte sie einen Fussel von ihrem Kleid. Plötzlich hatte sie das Gefühl, er würde auf ihren Verlobungsring starren.
    „Hier entlang bitte.“ Mit der Rechten deutete sie nach vorne.
    „Ja natürlich, Sie haben sicherlich viel zu tun.“ Seine Stimme klang belegt. Offensichtlich hatte er den Wink mit dem Zaunpfahl verstanden. Während er durch den Raum schritt, schaute er die Bilder auf der gegenüberliegenden Wand schweigend an.
    Elaine biss sich auf die Unterlippe. Vor den Kopf stoßen wollte sie ihn nicht, er konnte schließlich nichts dafür, dass sie mit den Gedanken woanders war. Sie überlegte, wie sie ein unverfängliches Gespräch beginnen sollte. „Sie sind Tibetologe an der Humboldt-Universität?“
    „Nein, ich gebe Tibetischunterricht und übersetze buddhistische Texte, besonders gerne Inschriften auf Kunstwerken.“ Er grinste spitzbübisch. „Was ist Ihr Fachgebiet? Ich nehme an, Sie sind keine Tibetologin.“
    Sie sah ihn erstaunt an. „Ja, ich bin Kunsthistorikerin mit dem Schwerpunkt Indologie. Wie kommen Sie darauf?“
    „Sonst könnten Sie die Inschrift übersetzen.“ Er wirkte plötzlich ernst. „Aber bitte vergessen Sie meine dumme Bemerkung.“
    Elaine nickte gedankenverloren und dachte an die Gerüchte, die ihr zu Ohren gekommen waren. Ihrer Vorgängerin, einer Tibetologin, sollte unter einem Vorwand gekündigt worden sein. Der wahre Grund bestand angeblich darin, dass die chinesischen Kunden darauf pochten, Tibet sei ein Teil Chinas. Deshalb wurden die tibetischen Objekte nun in die chinesische Abteilung eingeordnet, statt zusammen in die indische, mit denen sie mehr Ähnlichkeiten hatten. Doch mit diesem Gerede wollte Elaine nichts zu tun haben. Schließlich war sie froh, nach jahrelangen Zeitverträgen endlich eine feste Anstellung in einem renommierten Haus gefunden zu haben.
    Als sie die Tür zum Lager öffnete, sagte sie: „Da ist sie.“
    „Oh!“ Herr Senge blieb abrupt stehen und hielt sich eine Hand vor den Mund.
    Sicherlich hatte die Plastik eine ungeheure Ausstrahlung, aber eine solche Reaktion hielt Elaine für übertrieben. Wahrscheinlich überwältigten ihn seine religiösen Gefühle.
    Er legte die Handflächen zusammen und neigte leicht den Kopf. „Manjushri“, flüsterte er. „Ich habe nicht zu hoffen gewagt …“ Nach ein paar Sekunden drehte er sich zu ihr um und sagte mit belegter Stimme: „Diese Manjushri-Statue ist 1910 in Batang in der Region Kham hergestellt worden.“
    „Wie bitte?“ Sie starrte ihn an. „Woher wollen Sie das wissen?“
    „Mein Heimatort liegt nur zwei Stunden Fußmarsch entfernt. Mein Großvater hat mir erzählt, wie diese Statue bei einem großen Fest im Jahr des Hundes eingeweiht worden ist.“ Er wischte sich mit dem Handrücken über das Auge.
    Diesmal entfuhr Elaine ein „Oh!“ Sie konnte sich lebhaft vorstellen, wie er damals an der Hand seiner Eltern den Tempel betreten hatte. Junge und Alte warfen sich immer wieder vor der Plastik auf den Boden. Alle murmelten gemeinsam Mantras, die Mönche bliesen in ihre Muschelhörner, die Luft war geschwängert vom Schweiß der vielen Menschen und dem Duft der Räucherstäbchen.
    Räucherstäbchen! Endlich fiel ihr ein, woran sein Aftershave sie erinnerte. Es handelte sich um Sandelholz, das oft in Räucherstäbchen verwendet wurde.
    Die Worte des Tibeters rissen sie aus ihren Träumereien.
    „Vor unserer Flucht 1959 waren wir ein letztes Mal im Tempel und haben für eine gute Reise gebetet.“ Er wandte sich wieder der Statue zu.
    Sie hatte den Eindruck, ein schwarzer Schleier aus Trauer und Schmerz lege sich über den Raum. Sie blieb halb hinter ihm stehen, um ihn nicht in seinen Gefühlen zu stören. Sein Rücken bewegte sich vor und zurück wie ein Grashalm im Wind. Die Arme hielt er vor der Brust oder dem Mund, das konnte sie nicht sehen.
    Die Flucht musste über das ewige Eis des Himalayas geführt haben. Allein bei dem Gedanken daran begann sie zu frieren. Welche Strapazen hatten diese Menschen wohl auf sich genommen? Sie meinte deren Verzweiflung bis in ihre eigenen Knochen zu spüren.
    Um ihn von seinen Erinnerungen abzulenken, sagte sie: „Nun ja, Sie haben es nach Deutschland geschafft.“
    „Ja, und meine Eltern haben ebenfalls überlebt“, sagte er leise, ohne sich zu ihr umzudrehen. Er schien mit den Gedanken weit fort zu sein.
    Das Unausgesprochene blieb im Raum hängen. Wer war gestorben? Geschwister, Großeltern oder ein Freund? Elaine hatte das Gefühl, er wäre in Schmerz erstarrt. Deshalb beschloss sie, ihm ein wenig Zeit zu gönnen.
    „Möchten Sie ein Glas Wasser?“, fragte sie.
    Sein Hinterkopf bewegte sich langsam auf und ab. Es sah aus, als müsste sich jede einzelne Zelle seines Nackens dazu überwinden, zu nicken.
    Eigentlich durfte sie Fremde zwischen all den wertvollen Kunstwerken nicht alleine lassen. Aber Herr Senge machte einen ehrlichen Eindruck. Außerdem gab es in dieser Ecke des Auktionshauses nichts, was er in seine Umhängetasche stecken könnte. Sie eilte in die Kaffeeküche und hielt sich einen Moment an der Spüle fest. Dann schüttelte sie sich, in der Hoffnung, dadurch die Bilder von einer Flucht durch Eis und Schnee loszuwerden.
    Wie in Trance nahm sie eine Flasche Mineralwasser aus dem Kühlschrank, goss sich ein Glas ein und trank es in einem Zug aus. Es tat gut, zu spüren, wie das kalte Wasser ihren Hals hinunterstürzte. Als sie das Glas absetzte, fiel ihr Blick auf das rote Lämpchen der Kaffeemaschine. Die Kanne war leer, auf dem Boden war ein brauner Fleck zu sehen. Jetzt bemerkte sie auch den Geruch von leicht angebranntem Kaffee. Wieder hatte jemand vergessen, die Maschine auszuschalten. Schon hundertmal hatte sie darauf hingewiesen. Sie spülte die Kanne aus, füllte Wasser und Pulver in die Maschine. In dem Moment erkannte sie, wie lächerlich ihre kleinen Sorgen waren, verglichen mit dem, was andere Menschen ertragen müssen. Jeannette würde mit ein paar Sozialstunden davon kommen, das täte ihr ohnehin gut. Und auch wenn Elaine mit Errol kein Haus kaufen könnte, sie lebten in Sicherheit, hatten es warm und gemütlich. Plötzlich fiel ihr der Tibeter wieder ein. Schnell holte sie ein zweites Glas aus dem Schrank, goss Wasser ein und lief zurück.
    Herr Senge hockte vor der Manjushri-Statue, sein Zeigefinger schwebte wenige Zentimeter über deren Oberfläche.
    „Bitte nicht berühren!“, rief Elaine.
    „Natürlich.“ Er stand auf, nahm eine dicke Hornbrille ab und verstaute sie umständlich in seiner Jackentasche. In seinen Augen schimmerte Traurigkeit, aber sein Lächeln war freundlich. Er wirkte, als hätte er einen Entschluss gefasst, mit dem er sehr zufrieden war.
    Ein unbestimmtes Gefühl in ihrem Bauch versuchte ihr einzureden, etwas sei geschehen, als sie in der Küche war. Sie schob es beiseite und reichte ihm das Glas.
    „Vielen Dank.“ Er trank es in einem Zug leer und gab es ihr zurück. „Darf ich fragen, wie die Manjushri-Statue in Ihr Auktionshaus gekommen ist?“
    Seine Stimme klang beherrscht, er schien sich jetzt auf Fakten konzentrieren zu wollen. Aber sie spürte seine Betroffenheit hinter der Fassade.
    „Die Witwe eines Geschäftsmannes, der lange in Hongkong gelebt hatte, will seine Sammlung über uns versteigern. Das meiste sind chinesische Kunstwerke.“
    „Es ist ein großes Glück, dass sie erhalten geblieben ist.“ Er schaute die Plastik an. „Manjushri durchschneidet mit seinem Schwert Trugbilder, deshalb symbolisiert er Weisheit.“
    Während der Tibeter Sachverhalte erklärte, die sie bereits kannte, fiel ihr ein, was sie an dem Gespräch mit Errol gestört hatte. Er hatte kein Verständnis für ihre Sorgen um Jeannette gezeigt, sondern wollte nur für sein Engagement gelobt werden. Wieso bemerkte sie dies immer zu spät?
    „Jahrelang haben wir Manjushri gesucht. Er gehört zu einer Gruppe, welche die drei großen Bodhisattvas genannt werden. Die Statuen der beiden anderen, Avalokiteshvara und Vajrapani, die für Mitgefühl und Kraft stehen, haben wir retten können. Sie befinden sich im Meditationszentrum meines Lamas in der Nähe von London. Alle drei bilden eine Einheit, die im Buddhismus eine wichtige Rolle spielen.“
    Elaine schüttelte den Kopf, um wieder in der Gegenwart anzukommen und unterbrach Herrn Senge. „Mein Nebenfach Indologie beinhaltet auch Grundkenntnisse des Buddhismus.“
    „Oh, Verzeihung!“ Er schaute sie irritiert an, dann fuhr er fort: „Seit die chinesische Besatzungsmacht vor der Kulturrevolution die Klöster zerstörten, haben einige Tibeter ihr Leben riskiert, um wenigstens einige der religiösen Gegenstände zu verstecken. Einer meiner Cousins hat uns später erzählt, wie er diese Manjushri-Statue in eine abgelegene Höhle gebracht hat.“
    „Haben Sie eine Idee, wie diese Plastik nach Hongkong gekommen sein kann?“
    Er zuckte mit den Schultern. „In den 80er Jahren, als es im Westen als chic galt, tibetische Kunst zu sammeln, haben Räuberbanden das Land auf der Suche danach durchkämmt. Mein Cousin hat sich solche Mühe gegeben, sie zu verbergen.“
    „Ist es für Sie ein Sakrileg, diese Dinge zu versteigern?“
    „Was würde ein Katholik dazu sagen, wenn das Gefäß, in dem sonntags die Hostie geweiht wird, wie ein Möbelstück meistbietend verhökert wird?“ Keinerlei Vorwurf war in seinem Gesicht zu erkennen, lediglich Trauer.
    Sie nickte.
    Er setzte seine Brille auf, wandte sich der Plastik zu und fuhr fort, sie fachgerecht von Kopf bis Fuß zu untersuchen.
    Während sie ihm zusah, überlegte sie, wie alt er war. Vor einem halben Jahrhundert war sie selber gerade zur Welt gekommen. Wenn er sich an damalige Geschehnisse erinnerte, war er mindestens 55, doch er wirkte höchstens so alt wie sie.
    Ach, was spielt das jetzt für eine Rolle?, ermahnte sie sich. Ich sollte mich auf meine Arbeit konzentrieren.
    Herr Senge fuhr mit der Hand ein paar Zentimeter über die Nahtstellen an der Seite, an der Vorder- und Rückseite mittels Nieten zusammengefügt worden waren.
    Welch ein Glücksfall, einem Zeitzeugen gegenüberzustehen, der die Geschichte der Manjushri-Statue kannte. Eine Frage, die ihr auf der Zunge brannte, musste sie loswerden.
    „Die Plastik wurde im Repousséverfahren aus gedengeltem, vergoldeten Kupferblech hergestellt. Mich würde interessieren, ob Figuren dieser Größe innere Stützverstrebungen benötigen.“
    Der Tibeter wandte sich zu ihr um und blinzelte. Er brauchte eine Weile, bis er sich auf ihre Frage konzentrieren konnte. „Nein. Ich habe als Kind gesehen, wie ein Künstler ein angewärmtes Metallstück auf eine Form aus Harz, Senföl und Ziegelstaub gelegt hat, bevor er die Oberfläche ziselierte. Als die Plastik fertig war, hat er die Stabilisierungsmasse erwärmt und …“ Sein Gesicht verzog sich. Offenbar überwältigten ihn die Erinnerungen. Abrupt drehte er sich um.
    Bei diesem Anblick fühlte Elaine einen Stich im Herzen, als wäre es ihr eigenen Schmerz. Sie beschloss ihm ein wenig Zeit zu lassen, holte ein Heft aus ihrer Handtasche und notierte seine Erklärungen. Diese Technik gehörte zwar nicht zu ihrem Fachgebiet, aber sie liebte es, Ungewöhnliches zu ergründen. Bereits als Kind hatte sie ihre Eltern mit Fragen an den Rand des Wahnsinns getrieben. Wenn sie sich für etwas interessierte, las sie alles, was sie darüber in die Finger bekommen konnte.
    Herr Senge ging in die Hocke und betrachtete die Inschrift. Anschließend erhob er sich, steckte seine Brille in die Tasche und sah sie an. Offensichtlich hatte er sich wieder gefangen. „Da steht: ‚Ich verneige mich vor dem erhabenen Manjushri.‘ Gefolgt von seinem Mantra: ‚Om ah ra pa tsa na dhi‘.“
    „Danke.“ Elaine notierte es sich. Ein wenig war sie enttäuscht, hatte gehofft, der Spruch wäre spektakulärer.
    Nur zu gerne hätte sie den Tibeter gefragt, welche Bedeutung Manjushri für ihn persönlich hatte. Doch dann fiel ihr Jeannette ein. Sie warf einen Blick auf ihre Uhr und all die Gegenstände um sie herum, die sie heute katalogisieren musste.
    „Aufgrund Ihres Hinweises steht auch die Datierung genau fest.“ Sie kramte in ihrer Tasche und reichte ihm ein paar Fotos. „Ich habe für Sie die Inschrift fotografiert, für den Fall, Sie könnten sie nicht auf der Stelle übersetzen. Wir brauchen die Bilder nicht, Sie können sie als Erinnerung behalten. Eine Abbildung der gesamten Plastik wäre Ihnen wahrscheinlich lieber, aber diese darf ich leider nicht aushändigen.“
    „Danke.“ Er presste die Lippen zusammen und schaute verlegen zur Seite. Dann nahm er die Bilder entgegen.
    Irgendetwas stimmt nicht, warnte eine innere Stimme sie. Ach was, versuchte sie sich zu beruhigen, er ist enttäuscht.
    „Wenn Sie fertig sind, begleite ich Sie zum Ausgang.“
    Er nickte, warf einen weiteren Blick auf die Manjushri-Statue und folgte ihr durch die Gänge.
    „In der Woche vor der Auktion, ab Montag, den 25. Februar, ist das Auktionshaus im Rahmen der Vorbesichtigung für Interessierte geöffnet“, erklärte sie. Als er sie weiterhin mit traurigem Blick ansah, fuhr sie fort: „Falls Sie möchten, können Sie vorher vorbeikommen. Ich habe in diesem Lager ohnehin zu tun.“
    „Oh vielen Dank!“ Wieder lächelte er sie charmant an.
    Plötzlich fiel ihr auf, er könnte verstanden haben, sie wolle ihn wiedersehen. Sie spreizte ihre linke Hand und betrachtete ihren Verlobungsring.
    „Für Sie ist dies offensichtlich nicht nur eine Art religiöse Reliquie, sondern auch eine persönliche Erinnerung.“
    Sein Gesicht wirkte ernst. Erneut hatte sie das Gefühl, er hätte irgendetwas vor.
    „Wie hoch wird das Mindestgebot sein?“, fragte er.
    „Das wird Herr Gerke, der Eigentümer des Auktionshauses festlegen.“
    „Das dürfen Sie mir natürlich nicht verraten. Sie ist nicht besonders alt und hat unter den Wirren der Unruhen gelitten. Das wird den Preis drücken.“ Er sah sie fragend an. „Ich schätze, es wird bei zehntausend Euro liegen.“
    Sie zuckte mit den Schultern.
    „Davon könnte ein Dorf in Tibet lange leben.“ Er seufzte. Danach streckte er seinen Rücken durch. „Ich danke Ihnen herzlich für das Angebot, mir die Manjushri-Statue noch einmal ansehen zu dürfen. Ich hänge tatsächlich sehr daran. Auf Wiedersehen!“ Das letzte Wort betonte er.
    Nachdem er gegangen war, sah sie ihm hinterher und überlegte, was er wohl vorhatte. Doch dann schüttelte sie den Kopf und ging zurück ins Lager, um den Katalogeintrag für die Skulptur fertig zu stellen.

    Während der Tibeter in der ersten Reihe auf einem Kissen Platz nahm, stieg ein älterer Herr mit buschigen Augenbrauen das Podium hinauf. Nachdem er sich bei dem Zentrum für die Organisationen der Veranstaltung bedankt hatte, fragte er, wer zum ersten Mal hier sei. Etwa jeder vierte Zuhörer hob eine Hand. Beruhigt lehnte Elaine sich zurück, sie war nicht die einzige Neue. Herr Eikman reckte seinen Kopf, ließ den Blick durch den Raum schweifen und nickte schließlich. Die Übersetzerin las von ihrem Stenoblock vor, danach wiederholte sich diese Prozedur mehrmals. Elaine fragte sich, warum die Organisatoren nicht einen deutschen Redner engagieren konnten, durch die Übersetzung wurde der Vortrag unnötig in die Länge gezogen und Herr Eikmans Englisch war sehr gut zu verstehen.
    „Es freut mich besonders, mehr neue Interessenten hier begrüßen zu können als jemals zuvor“, fuhr Herr Eikman fort. „Sicherlich fragen sich viele von Ihnen, was an den wundersamen Berichten über die große Manjushri-Statue dran ist. Diese Frage kann ich Ihnen mit einem Wort beantworten: Nichts.“
    Elaine runzelte die Stirn. Herr Senge hatte dies etwas anders ausgedrückt. Vielleicht benutzte Herr Eikman einen rhetorischen Trick. Ihre Neugier war jedenfalls gestiegen.
    Erneut streckte er seinen Hals.
    „Nun, niemand gibt sich mit dieser Antwort zufrieden und verlässt uns. Sie wollen also Genaueres wissen, sehr schön!“ Er schmunzelte.
    Einige Zuhörer auf den Sitzkissen kicherten.
    „Über den Buddhismus und Tibet kreisen seit Jahrzehnten die wildesten Gerüchte. Ich werde nicht müde, zu versichern: Shangrila, das sagenumwobene Paradies auf dem Dach der Welt, eignet sich als Kulisse für einen Hollywoodfilm, doch es existiert genauso wenig wie unser Schlaraffenland. Das alte Tibet war ebenfalls kein Garten Eden.“
    Er unterstrich seine Worte mit Bewegungen, als wolle er die Illusionen wie Kreide von einer Tafel wischen. „Die Tibeter sind auch nur Menschen. In einzelnen Fällen schrecken sie bei Machtkämpfen nicht einmal vor Gewalttätigkeiten zurück – vielleicht seltener als bei uns, aber sie sind keine Engel.“
    Das passte zu dem, was Justus erzählt hatte. Herr Eikman bemühte sich offenbar um eine realistische Darstellung, stellte Elaine beruhigt fest.
    „Wegen der Gerüchte bezüglich der Manjushri-Statue bin ich gebeten worden, die wichtigsten Begriffe zu erklären, was in einem Vortrag im Grunde unmöglich ist. Ich werde mich also bemühen, für diejenigen, die wenig über den Buddhismus wissen, eine grobe Übersicht zu geben. Ich hoffe, alle anderen verzeihen mir meine Vereinfachungen.“ Herr Eikman setzte eine Brille auf und blätterte in seinen Unterlagen.
    „Manjushri gehört zu den drei sogenannten großen Bodhisattvas, die hier links auf den Thangkas abgebildet sind.“ Er deutete auf die Wand, an der drei Thangkas hingen. In dem Linken erkannte Elaine Manjushri. Sein Körper war orange und von einem strahlenden Kranz umgeben, sein Kopf von einer Art grünem Heiligenschein.
    „Bevor ich sie einzeln vorstelle, möchte ich den Begriff Bodhisattva erläutern. Als solches werden Menschen bezeichnet, die nicht nur den Wunsch haben zu erwachen, sondern sich darüber hinaus bemühen, alle Wesen auf diesem Weg zu unterstützen. Es muss sich dabei keineswegs um einen Mönch oder eine Nonne handeln, entscheidend ist die Motivation.“
    Während der Übersetzung trank er einen Schluck Tee. Herr Senge schlich zu seinem Pult und goss aus der Thermoskanne nach. Danach vergewisserte er sich, dass die Tasse der Übersetzerin ebenfalls gefüllt war.
    „Wenn Sie ein Bodhisattva werden wollen, nehmen Sie die entsprechenden Gelübde. Aber wie heißt es so schön: Bodhisattva werden ist nicht schwer, Bodhisattva sein dagegen sehr.“
    Die Zuhörer auf den Sitzkissen lachten, sie schienen zu wissen, worum es ging. Auch Elaines Sitznachbarn und der Redner schmunzelten.
    „Darüber wird Lama Künga Päljor uns ab morgen ausführlich belehren. Ich hatte gerade die Motivation erwähnt, damit sind wir bereits bei Avalokiteshvara angelangt. Sie sehen ihn auf dem mittleren Thangka.“
    Alle Anwesenden drehten den Kopf in die angegebene Richtung. Der Buddha auf dem Rollbild war weiß und hatte vier Arme. Wie Manjushri trug er weibliche Züge. Er saß aufrecht im Lotossitz, rund um seinen Kopf war er mit dem gleichen Heiligenschein umgeben.
    „Bei der Aussprache seines Sanskritnamens bricht man sich fast die Zunge, die Tibeter nennen ihn deshalb Tschenresig. Er verkörpert das Mitgefühl, den Wunsch, alle Wesen vom Leid zu befreien. Da diese Eigenschaft im Buddhismus eine zentrale Rolle spielt, ist er der beliebteste und bekannteste Bodhisattva. Sie kennen sicher den Seufzer einer Mutter, ihr mögen ein Dutzend Arme wachsen, damit sie sich um alle ihre Kinder gleichzeitig kümmern und nebenher den Haushalt besorgen kann.“
    Wieder trank er einen Schluck Tee und warf einen Blick auf die Unterlagen vor ihm.
    „Aus demselben Grund wird Avalokiteshvara oft mit tausend Armen und mehreren Köpfen dargestellt. Hier hat er vier Arme, zwei legt er um ein sogenanntes wunscherfüllendes Juwel zusammen. In der linken Hand hält er einen Lotos als Symbol seiner Reinheit und in der rechten eine Mala, eine buddhistische Gebetskette. Sein Mantra ist das am häufigsten rezitierte, es lautet ‚Om mani padme hum‘.“
    All diese Basisinformationen kannte Elaine und sie fragte sich, warum sie hergekommen war. Allmählich forderte ihr Körper den Schlaf, der ihm in der letzten Nacht vorenthalten worden war. Sie hörte nur noch mit halbem Ohr zu und brauchte ihre ganze Kraft, um ihren Kopf aufrecht zu halten. Als sie das Wort ‚Manjushri‘ wahrnahm, fuhr sie auf.
    „Er repräsentiert Weisheit in zweifacher Hinsicht“, hörte sie Herrn Eikman erklären. „In seiner rechten Hand führt er das zweischneidige Schwert der Logik oder analytischer Unterscheidung. Hier befinden wir uns auf der Ebene der Realität, die aus Rosen, Kleiderbügeln und Steuererklärungen besteht.“
    Einige Zuhörer kicherten und Elaine überlegte kurz, worin die Gemeinsamkeit zwischen diesen drei Gegenständen bestehen könnte. Wahrscheinlich hatte Herr Eikman einfach ein paar skurrile Beispiele gewählt, um das Publikum zu erheitern.
    „Neben Manjushris linker Schulter liegt ein Buch auf einer Lotosblume. Es stellt das Prajnaparamita Sutra dar, eine der bekanntesten Lehrreden Buddhas. Dieser Name bedeutet so viel wie ‚anderes Ufer‘, im Sinne von transzendent. Dieser Text fordert uns auf, hinter die Oberfläche der Phänomene zu schauen. Wenn wir dies tun, werden wir feststellen, dass die Wirklichkeit nicht nur aus Rosen, Kleiderbügeln, Steuererklärungen und dergleichen besteht. Lassen Sie uns bei diesen Dingen bleiben, die wir mögen, die für uns neutral sind oder die wir nicht mögen.“
    Jetzt schmunzelte auch Elaine. Herr Eikman hatte einen Hinweis auf Anhaftung, Ablehnung und Gleichgültigkeit eingebaut. Nach Ansicht der Buddhisten teilen wir alles, was uns widerfährt in eine dieser drei Kategorien ein.
    „Der Lotos, auf dem das Buch ruht, ist übrigens ebenfalls ein Symbol für Mitgefühl. Am Fuße jedes Thangkas sind seine beiden Kollegen abgebildet, dadurch wird unterstrichen, wie eng diese Begriffe miteinander verflochten sind. In allen drei Bodhisattvas sind sämtliche Aspekte des Erwachens enthalten. Avalokiteshvara ist sozusagen der Ausgangspunkt, Mitgefühl sollte die Motivation all unserer Handlungen sein. Lassen Sie uns dazu ein kleines Experiment durchführen. Bei einer Entziehungskur leiden Alkoholiker häufig unter Magenschmerzen, Angstgefühlen, Unruhe, es geht ihnen sehr schlecht. Sobald sie einen Schluck trinken, verschwinden diese Symptome. Wenn ein Betroffener Sie mit zitternder Stimme um einen Schnaps anfleht, hätten Sie mit Sicherheit Mitgefühl mit ihm. Würden Sie ihm ein Glas einschenken?“
    Die meisten Zuhörer schüttelten den Kopf.
    Herr Eikman nickte zufrieden. „Buddhisten haben hierfür den Begriff Idiotenmitgefühl. Wenn man aus wahrem Mitgefühl handelt, muss man andere gelegentlich mit der Realität konfrontieren. Ich kann deshalb nicht oft genug betonen: Mitgefühl ohne Weisheit und Kraft nutzt nichts.“
    Elaine dachte an Jeannette, Max und die zehntausend Nerze und stimmte dem Redner zu.
    Ganz in der Nähe schellte ein Handy mit einem Geräusch wie ein Telefon aus dem letzten Jahrtausend.
    Da hält sich jemand wohl für so wichtig, dass er jederzeit erreichbar sein muss, ärgerte Elaine sich.
    Herr Eikman pustete in sein Teeglas und nahm einen kleinen Schluck. Dann fuhr er fort. „Manjushri repräsentiert die Weisheit, die Dinge so zu sehen, wie sie sind, statt aus unseren Vorurteilen heraus zu handeln.“
    Das Klingeln hielt an, inzwischen drehten mehrere Menschen sich um und runzelten die Stirn.
    „Entschuldigen Sie“, flüsterte die ältere Frau links von Elaine, „ich glaube, Ihr Telefon läutet.“
    Elaine schüttelte den Kopf. „Ich habe einen anderen -“ Plötzlich fiel ihr siedendheiß ein, dass Justus ihren Klingelton an diesem Vormittag geändert hatte. Eilig kramte sie ihr Handy hervor. Tatsächlich, auf dem Display leuchtete Jeannettes Nummer. Ihre Tochter sollte sie anrufen, wenn es Probleme mit Errol gab. Elaine drückte die Einschalttaste, wisperte: „Moment“ und eilte aus dem Saal. Dabei hatte sie das Gefühl, die Blicke alle Anwesenden würden sich vorwurfsvoll in ihren Rücken bohren. Am liebsten wäre sie im Erdboden versunken.
    Nachdem sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, fragte sie: „Ist Errol ausgezogen?“
    „Er ist gerade erst gekommen.“
    „Was? Jetzt erst?“ Elaine schaute auf ihre Armbanduhr. Es war kurz nach halb neun.
    „Er hat gesagt, er hätte viel mit einem neuen Fall zu tun, du wüsstest Bescheid.“
    Elaine unterdrückte einen Fluch und fuhr sich mit der Hand durchs Gesicht. „Meinst du, er hat bis zehn alles gepackt?“
    „Bei der Geschwindigkeit, mit der er jede Unterhose zusammenfaltet, braucht er mindestens bis Mitternacht.“
    „Verdammter Mist.“
    „Aber Mam, wie oft hast du mir eingeschärft, man soll nicht fluchen!“
    „Ach, komm mir jetzt nicht damit!“
    „Schon okay, ich versteh dich ja.“ Jeannettes Stimme klang tatsächlich einfühlsamer als jemals zuvor. „Als er kam, hat er erst einmal versucht, mich einzulullen. Hat mir Marzipanschokolade mitgebracht und er kann ja so charmante Komplimente machen, es ist schade …“
    „Dieses Arschloch ist einfach ein Blender“, zischte Elaine. „Bitte ruf mich an, wenn er verschwunden ist, vorher komme ich nicht nach Hause, eher schlafe ich im Auktionshaus auf dem Fußboden.“ Sie tippelte in ihren dünnen Strumpfhosen über die kalten Fliesen – und wäre fast mit Herrn Senge zusammengestoßen, der mit der Thermoskanne in der Hand auf dem Weg zur Küche war. Er schaute sie besorgt an.
    Oh nein, dachte sie, was hat er gehört?
    Sie schlüpfte in ihre Schuhe und Jacke und lief in den Garten.
    „Kannst du heute nicht bei Luise übernachten?“, fragte ihre Tochter.
    „Die lässt sich am Strand von Goa die Sonne auf den Bauch scheinen.“
    „Oje, ausgerechnet jetzt ist sie wieder mal in Indien? Soll ich Biggi fragen?“
    „Das ist lieb von dir, aber das wäre mir peinlich.“ Elaine strich sich durchs Haar. „Es wird schon irgendwie klappen, ich muss nur diesen Abend rumkriegen. Bitte ruf mich an, sobald es etwas Neues gibt! Es ist schön, dass du da bist.“
    „Klaro, wir Frauen halten schließlich zusammen. Übrigens hab ich eine Überraschung für dich.“
    „Wie bitte?“ Alarmglocken schellten in Elaines Kopf. „Was hast du diesmal ausgeheckt?“
    „Keine Sorge, du wirst dich freuen. Jetzt, wo Errol weg ist.“ Jeannette gluckste. „Ich muss mich drum kümmern. Also bis später, tschau Mam.“
    Nachdem Elaine aufgelegt hatte, atmete sie die kalte Märzluft tief ein. Wie hatte sie nur auf diesen eingebildeten Playboy hereinfallen können? Wie groß war ihre Freude gewesen, einen Mann gefunden zu haben, der wie sie gerne Museen besuchte und über Kunst diskutierte. Viel zu schnell hatte sie ihn in ihre Wohnung einziehen lassen. Die Aussicht, nach all den Jahren, in denen sie ein Kind alleine großziehen musste, sich endlich ein schönes Haus mit Garten leisten zu können, hatte sie blind gemacht für seine Fehler. Und jetzt versuchte er sie bis zur letzten Sekunde zu ärgern.
    Um sich abzureagieren, marschierte sie ein paar Runden durch den Garten. Schließlich blieb sie vor dem Stupa stehen. Ein Scheinwerfer beleuchtete die kleine Buddhastatue in dem Kegel. Mit unbeweglichem Gesicht saß das Figürchen dort und ertrug Sonne wie Regen gleichermaßen. Nichts schien diesen Meditierer erschüttern zu können. Es erinnerte Elaine daran, mit welchem Fatalismus Herr Senge sich in sein Schicksal ergeben hatte. In diesem Moment wünschte sie ein Stück dieser Gelassenheit. Sie ging zurück in den Saal.
    „Worüber redet er jetzt?“, fragte sie ihre Nachbarin.
    „Er ist bei Vajrapani“, bekam sie als Antwort.
    „Pst!“, zischte jemand hinter ihr.
    Elaine warf einen kurzen Blick auf den Thangka, auf dem diese dunkle Gestalt vor einem Flammenmeer stand und die Zähne fletschte. Seit ihrer Studienzeit fragte sie sich, was ein derartiges Ungetüm in einer Religion zu suchen hatte. Nach ihrem Empfinden passte es nicht zu den Blumen und Bergen, mit denen der Hintergrund der Bilder in leuchtenden Farben gestaltet war. In der Hoffnung, Herr Eikman könne dieses Rätsel lösen, schaute sie zu ihm. Anfangs konnte sie sich kaum auf seine Rede konzentrieren, ständig hatte sie das Bild von Errol vor Augen, der seine Unterhosen faltet. Vor Wut kochte sie innerlich.
    „Im Westen wird er als einer der „zornvollen Gottheiten“ bezeichnet, wobei ich beide Begriffe für missverständlich halte“, sagte Herr Eikman in diesem Moment. „Im Buddhismus gibt es keinen Schöpfergott, lassen Sie uns deshalb einfach von Wesen reden. Außerdem sind wir zornig, wenn wir uns hilflos fühlen. Diese Wesen sind eher hilfreich.“
    Elaine fragte sich, ob sie zornig war, weil sie sich Errol gegenüber hilflos fühlte. Kaum hatte sie dies erkannt, fühlte sie sich ruhiger. Herr Eikman schien ihr aus der Seele zu sprechen.
    „Vajrapani steht für den starken Wunsch, mit seiner gesamten Kraft und seinem Eifer, das Leiden aller Menschen und Tiere zu beenden. Die Darstellungen, die auf manche Westler brutal wirken, sind symbolisch gemeint. Es sind keineswegs Menschen, die er mit seinen Füßen zertritt, sondern Dämonen. Diese stehen für die Quelle allen Übels, unsere schädlichen Leidenschaften: Gier, Hass und Unwissenheit.“
    Inzwischen war Elaine froh, während der Übersetzung Zeit zum Nachdenken zu haben. Herr Eikman redete von den drei Geistesgiften, die im Buddhismus eine zentrale Rolle spielen. Unwissenheit und Hass stellten das Gegenteil dessen dar, wofür zwei der drei Thangkas standen: Weisheit und Mitgefühl.
    „Manchmal ist es notwendig, Streithähne auseinanderzureißen, damit sie sich nicht gegenseitig den Schädel einschlagen. Sich in einem solchen Fall hinzusetzen und zu beten, wäre nicht nur lächerlich, sondern unterlassene Hilfeleistung. Ein gutes Beispiel in unserer Kultur sind Comicgestalten wie Superman. Als mein siebenjähriger Neffe zum ersten Mal eine Abbildung von Vajrapani sah, rief er spontan: ‚Der Typ ist cool!‘“
    Wieder lachte das Publikum. Elaine nickte. Was dieser Mann sagte, klang keineswegs esoterisch abgehoben, stattdessen entsprach es dem gesunden Menschenverstand.
    „Sein Mantra ist sehr kurz: ‚Hung Benza Phat‘.“
    Das kann ich mir merken, dachte Elaine.
    „In der rechten Hand hält Vajrapani einen Vajra, ein Diamantzepter. Ein Diamant kann alles zerschneiden, bleibt aber selbst unzerstörbar, deshalb ist er ein Symbol für die wahre Wirklichkeit. Dies deutet abermals auf die Weisheit Manjushris hin, denn Kraft ohne Wissen ist schädlich. Ich hatte ja bereits darauf hingewiesen, dass in jedem Bodhisattva die anderen beiden enthalten sind.“ Seine Stimme klang inzwischen heiser, offensichtlich strengte ihn das Reden an. Er nahm einen Schluck Tee und Herr Senge schenkte aus seiner Thermoskanne nach.
    „Auf den anderen beiden Thangkas sind entsprechende Miniaturen dargestellt. Die drei Bodhisattvas gehören zusammen. Mitgefühl ist die entscheidende Motivation, doch ohne Weisheit und Kraft nutzt sie uns nicht, kann sogar schaden.“
    Elaine nickte.
    „Soviel zu den drei Bodhisattvas. Wie können wir ihre Statuen und Thankas in unserer Praxis nutzen?“
    Jetzt wird es spannend, dachte Elaine und lehnte sich vor.
    „Es gibt tatsächlich eine buddhistische Praxis, bei der man sich vorstellt, ein Wesen wie Manjushri zu sein. Damit kein Schaden für die eigene Person und andere entsteht, ist die richtige Motivation notwendig. Also das Mitgefühl. Und es ist sehr wichtig, sich an den Rat eines qualifizierten Lehrers zu halten.“
    Herr Eikman hielt kurz inne und schaute in die Runde. Seine Augen leuchten, als beabsichtige er, etwas Besonderes zu erzählen. „So ist die Darstellung der geschlechtlichen Vereinigung im Tantra ein Symbol für die Einheit von Weisheit und Liebe. Doch ein westliches Pärchen hat dies einmal zu wörtlich genommen und in einem indischen Tempel imitiert, zum Schrecken der dort lebenden Mönche.“
    Das Publikum brach in schallendes Gelächter aus. Elaine schüttelte den Kopf. Wie kann jemand so dumm sein?
    „Sich in ein nicht körperliches Wesen hinein zu versetzen, mag exotisch klingen, aber es ist eine häufig angewandte Lernmethode. Kinder lernen, indem sie sich mit Vorbildern identifizieren und jeder Sportler ahmt seinen Trainer nach. Es zu praktizieren heißt nichts anderes, als sich zu benehmen wie ein Bodhisattva, so lange, bis man zu einem wird.“ Herr Eikman breitete seine Arme stückweise weiter aus, als wolle er zeigen, wie etwas wächst.
    „Wir gehen davon aus, dass all diese Qualitäten in jedem Wesen schlummern, sie brauchen nur zur Entfaltung gebracht zu werden. Wenn wir uns in der Meditation in Manjushri hineinversetzen, erleichtert dies den Zugang zu unserer eigenen Weisheit.“
    Das ist alles?, schoss es Elaine durch den Kopf. Das macht doch jeder am laufenden Band.
    Enttäuscht lehnte sie sich zurück. Alles, was dieser Buddhist sagte, wirkte einfach und einleuchtend – fast zu einfach.

    Nach oben scrollen