Leseprobe Trotz allem schöne Momente

Ich sorge für mich

Am Dienstag, dem Tag nach dem Unfall, erinnerte ich mich daran, was der Pfleger und Doris mir geraten hatten. Deshalb praktizierte ich morgens einige Zapchen-Übungen, unter anderem ließ ich meine Arme kräftig vor und zurück schwingen. Dann setze ich mich bequem auf einen Stuhl, atmete tief aus und entspannte mich so gut wie möglich. Außerdem nahm ich den Kontakt zur Sitzfläche und zum Boden so bewusst wie möglich wahr. Julie nennt dies »rest down«, also »niedersinken«. Den Bezug zur Erde zu spüren, gibt uns Sicherheit und beruhigt.
Allmählich schaukelte ich mit dem Oberkörper leicht nach rechts und links. Mit immer kleineren Bewegungen suchte ich den Bereich, in dem der Körper sich am wohlsten fühlt, wo die Energie am leichtesten durchfließt. Dies nennt Julie ins »Alignment« kommen, was so viel bedeutet, wie sich auszurichten. Mehrmals hat sie uns von einem Lama erzählt, der vor etlichen Jahrhunderten durch Tibet gewandert sei und dies den Menschen beigebracht habe.
Eines Tages hatte einer seiner Schüler zu ihm gesagt: »Schau mich an, verehrter Lama! Meine Arme und Beine sind verkrüppelt. Wie soll ich mit diesen Gliedmaßen ins ›Alignment‹ kommen?«
Der Lama hat ihm geraten: »Bau dir ein Gestell, in das du deinen Körper einhängen kannst, damit du so bequem wie möglich sitzt!«
Daraufhin hat der Mann sich voller Dankbarkeit verbeugt, ist dem Rat gefolgt, hat zwölf Jahre lang in dem Gestell meditiert und wurde dadurch erleuchtet.
Ich weiß nicht, ob sich dies tatsächlich so zugetragen hat. Aber ich mag diese Geschichte und erzähle sie gerne meinen Schülerinnen. Sie zeigt ein wichtiges Prinzip in Zapchen: Geschickt Mittel einzusetzen, um auf eine angenehme Weise zu praktizieren. Julie ermunterte uns immer wieder dazu, auf unser Wohlgefühl zu achten.
Und »Alignment« ist ein wunderbarer Einstieg in Meditation. Einige meiner Teilnehmer bleiben danach 20 Minuten still sitzen und – ich ebenfalls.

Zapchen half mir auch an diesem Morgen, mich wenigstens ein paar Minuten auf meinen Atem zu konzentrieren, selbst wenn ich dabei ständig Rudi vor meinem inneren Auge sah. Seit fünfunddreißig Jahren versuchte ich zu meditieren. Mit bescheidenem Erfolg. Sobald ich still saß, konnte ich Einkaufslisten erstellen, sogar meinen nächsten Roman planen, alles, nur nicht meditieren.
Zum Abschluss des morgendlichen Rituals betrachtete ich die Fotos meiner buddhistischen Lehrer und rezitierte ein paar Mantras.

Wie am Tag zuvor holte ich die Zeitung nur aus dem Briefkasten, um sie ins Altpapier zu werfen. Doch erneut fesselte mich ein Artikel auf der Titelseite: »Schumacher aus Koma erwacht«. Das konnte kein Zufall sein! Mir war, als würde mir jemand zurufen: »Wenn der Formel-Eins-Pilot das schafft, dann wird Rudi auch bald aufwachen.«
Bei seinem Skiunfall hatte Schumacher einen Helm getragen, war allerdings schneller gewesen als Rudi. Sein Schädel-Hirn-Trauma schien mir schwerer zu sein. Nach fünf Monaten im künstlichen Koma begann jetzt seine sehr lange Phase der Rehabilitation.
Sehr lange, oje! Wie lange würde sie bei Rudi dauern?
Weitere Informationen wollte die Familie nicht bekannt geben. Das konnte ich gut verstehen. Ich wollte vermeiden, den Nachbarn von dem Unfall zu erzählen. Die Vorstellung, bei jedem Gang durch die Straße nach Rudis Befinden gefragt zu werden, stellte ich mir wie einen Spießrutenlauf vor.
Abends fuhr ich wieder zu Rudi. Um die bedrückende Atmosphäre im Wartezimmer zu vermeiden, spazierte ich lange durch den Park und ging erst kurz nach Beginn der Besuchszeit ins Krankenhaus. Doch leider war die Tür zur Intensivstation immer noch geschlossen. Diesmal waren fast alle Stühle im Wartebereich besetzt.
»Gestern hat Deutschland gespielt«, sagte ein älterer Herr. »Da war niemand hier.«
»Ich war hier und ein paar andere auch«, widersprach ich.
Er schaute mich nicht einmal an.
»Was geht Sie das an?«, blaffte die ältere Frau mit dem Hörgerät den Mann an.
Hätte ich doch bloß den Mund gehalten!
Glücklicherweise wurde in diesem Augenblick die Tür geöffnet und alle eilten zu ihren Angehörigen.

Damit ich nicht eine Stunde lang stehen musste, nahm ich einen Stuhl aus dem Wartezimmer mit in Rudis Zimmer. Ihn da unbeweglich liegen zu sehen, mit all den Schläuchen, zerriss mir das Herz. Was konnte ich für ihn tun? Ich hatte einen Kloß im Magen. So angespannt war ich keine Hilfe für ihn. Da fiel mir eine Praxis ein, die eine Schülerin von Julie als Sterbebegleitung empfohlen hatte. Ich war sicher, dass Rudi weiterleben würde, aber damit konnte ich in dieser Situation mit ihm in Kontakt treten. Deshalb legte ich eine Hand auf seine Brust und atmete gleichzeitig mit ihm ein und aus. Ich spürte seine Wärme, seine Lebenskraft, das tat mir gut.
Aber half es ihm? Ich schaute in sein Gesicht. Es wirkte glatt, ruhig – teilnahmslos. Nahm er meine Anwesenheit wahr? Konnte ich überhaupt irgendetwas für ihn tun? Ich hoffte es so sehr – und zweifelte. Dann fiel mir ein, was Doris gesagt hatte: »Sorge für dich!« Der Pfleger gestern hatte sich ähnlich ausgedrückt.
Ich kann ihm nur helfen, wenn es mir gut geht, dachte ich. Und das hier fühlt sich gut an.

Am Donnerstag, dem vierten Tag nach Rudis Unfall, es war Fronleichnam, lud unser Freund Uli mich zu Waffeln mit heißen Kirschen und Schlagsahne ein.
»Das brauchst du jetzt!«, kommentierte er diese Kalorienbombe.
Wir saßen in einem Café in der Nähe des Krankenhauses und schauten auf den See. Das Spiegelbild der Sonne glitzerte auf dem Wasser; wenn eine Ente vorbei schwamm, zerstörten die Wellen die Symmetrie, dafür entstand ein neues Muster. Was für eine wundervolle Symbolik!
Ich genoss die Idylle, die Leckerei und vor allem Ulis Gesellschaft. Als Dozent in einer Krankenpflegeschule konnte er mir medizinische Hintergründe erklären.
»Rudi wird bald wieder auf die Beine kommen«, meinte er. »Er wird vielleicht öfter mal Kopfschmerzen haben. Es ist ja glücklicherweise keine Gehirnprellung.«
»Was ist das?«
»Wenn du dir zum Beispiel den Oberschenkel am Tisch stößt, entsteht ein blauer Fleck. Blutgefäße sind geplatzt, das Gewebe schwillt an und es braucht Zeit, bevor der Körper die Schwellung wieder abbaut. Am Bein ist das bald wieder verheilt. Das Gehirn ist das einzige Organ, das rundum von Knochen geschützt ist. Eine Prellung übt Druck auf das Gehirn aus, dadurch können Gehirnzellen zerstört werden.«
»Ein Glück, dass Rudi keine Gehirnprellung hat!«

Voller Zuversicht ging ich zur Intensivstation. Im Wartezimmer erzählte Marita einem jungen Türken, dass sie vom Amtsgericht endlich als Betreuerin ihres Mannes eingesetzt worden war. Solange er bewusstlos war, konnte sie jetzt über seine medizinische Behandlung entscheiden, etwa die Genehmigung für eine Operation unterschreiben. Das ist bei Ehepartnern nicht automatisch möglich. Die finanziellen Angelegenheiten ihres Mannes konnte sie ebenfalls regeln, dies würde allerdings regelmäßig vom Amtsgericht kontrolliert werden.
Ich war froh, dass Rudi und ich vor Jahren Patientenverfügungen mit Vorsorgevollmachten abgeschlossen hatten. Das ersparte mir in dieser Zeit lästigen Papierkram und vor allem durfte ich alleine entscheiden. Auf Empfehlung unserer Steuerberaterin hatten wir uns bei einem Notar ebenfalls eine Generalvollmacht für die Finanzen gegeben. Nur deshalb konnte ich jetzt Rudis Monatskarte für die Bahn problemlos kündigen.
In diesem Zusammenhang sprachen Marita und der junge Türke ebenfalls über einen Pflegedienst.
Erschrocken fragte ich: »Wofür braucht man den? Unsere Männer bekommen doch eine Reha.«
Sie sahen mich erstaunt an.
»Wenn sie wieder zu Hause sind«, erklärte Marita.
Ich starrte sie entsetzt an. Bis jetzt hatte ich fest damit gerechnet, dass Rudi in der Reha wieder auf die Beine kommen würde. War ich zu blauäugig?
Der junge Mann erzählte, sein Zwillingsbruder sei 22 Jahre alt und mit dem Motorrad verunglückt. Den Führerschein hatte er erst seit ein paar Tagen. Seine Mutter führte den Unfall auf die Unerfahrenheit ihres Sohnes zurück.
Die Familie tat mir leid. Das Leben dieses Mannes hatte gerade erst begonnen!
»Mein Mann ist jedes Jahr zehntausend Kilometer mit dem Rad gefahren«, sagte ich. »Wenn man viel Erfahrung hat, fühlt man sich oft zu sicher.«
Zehn Minuten nach Beginn der Besuchszeit war die Tür noch immer geschlossen. Wie gut, dass wir mit dem Gespräch die Zeit überbrücken konnten!
Die meisten im Raum blickten schweigend zu Boden und alle zwei Minuten auf ihre Uhr. Wahrscheinlich dachten alle das Gleiche wie ich: Wieder ein Notfall? Hoffentlich nicht mein Liebster!

In Rudis Zimmer wartete die nächste Überraschung auf mich: Oben in seinem Kopf steckte ein Draht, der mit einem Messinstrument zwischen den Medikamentenampullen verbunden war. Ab und zu piepste es. Ich wunderte mich, war diese Geräusche aber schon gewohnt. Auf dem mitgebrachten Stuhl Platz zu nehmen und seine Hand zu fassen, wurde zur Routine. Ich erzählte ihm von unserem Garten, wie die Kürbisse und Zucchini wuchsen, die Tomatenpflanzen blühten.

Kurz darauf rauschte eine Schwester ins Zimmer. Während sie das piepsende Instrument ausschaltete, bat sie mich: »Bitte fassen Sie Ihren Mann nicht an und sprechen Sie nicht mit ihm!«
Vor Schreck zuckte ich zusammen.
Bevor ich nach dem Grund fragen konnte, erklärte sie: »Der Druck im Gehirn Ihres Mannes ist gefährlich angestiegen. Ich gebe ihm jetzt ein Medikament, um ihn zu verringern.« Sie zog eine Spritze auf und drückte den Inhalt in den Zugang an Rudis Handvene. »Die Ärzte meinen zwar, Komapatienten würden nichts wahrnehmen, aber wir beobachten oft, wie sie auf die Stimmen ihrer Angehörigen reagieren.«
Ich trat ein paar Schritte zurück und nickte. Mein Mund fühlte sich staubtrocken an. Beim Gespräch mit Uli vor ein paar Minuten war ich zuversichtlich gewesen. Gestern hatte ein Arzt angekündigt, Rudi würde bald aufgeweckt. Wie schlimm war es wirklich?
»Kann ich bitte einen Arzt sprechen?«, brachte ich mit Mühe hervor.
»Im Moment ist viel los, ich frage mal«, sagte sie, dann war sie weg.
Marita drehte sich zu mir um. »Das war bei Rick auch einen Tag lang so, dann war es schnell vorbei.« Sie wandte sich wieder ihrem Mann zu.
Ihre Worte trösteten mich ein wenig. Ihr Mann lag seit über einer Woche im Koma. Wie lange würde es bei Rudi dauern? Ich versuchte es mir nicht auszumalen. Stattdessen rezitierte ich in Gedanken Mantras und stellte mir vor, meine Hände lägen auf seiner Brust.

Nach ein paar Minuten fühlte ich mich gelassener. Rudi lag mit geschlossenen Augen da. Nichts hatte sich verändert und dennoch wirkte er entspannter – oder bildete ich mir das ein? Spürte er meine Anwesenheit? Hatten die Mantras ebenfalls eine positive Wirkung auf ihn? Wenn er das hier überstanden hatte, würde er mich bestimmt fragen, warum Mantras positive Auswirkungen haben. Ich beschoss, es ihm in Gedanken zu erklären. Im Moment konnte er nicht widersprechen.
›Für Buddhisten stellt die Konzentration auf die Abfolge fremdartiger Laute eine Meditation dar. Dies beruhigt den Geist und entspannt den Körper. Eine ähnliche Wirkung hat ein rhythmisches Gedicht. Genauso wäre deine Schulklasse konzentrierter, wenn sie gemeinsam eine mathematische Formel singen würden, statt durcheinanderzureden.‹
An dieser Stelle würde Rudi lachen und sagen: ›Meine Schülerinnen waren von DorFuchs-Youtube-Videos begeistert, aber singen wollten sie die nie.‹
Ich spürte, wie meine Mundwinkel sich nach oben zogen.
›Als Physiklehrer weißt du, wenn ein Geiger seinen Bogen entlang einer mit Sand bestreuten Kupferplatte streicht, erzeugt er einen Ton und der Sand formiert sich zu einem wunderschönen, symmetrischen Muster. Wenn ein Klang solche Auswirkungen auf unbelebte Materie hat, kannst du erahnen, wie er auf dich wirkt. Keimsilben wie Ah, Ohm, Hung, die in allen Mantras vorhanden sind, entfalten bestimmte Wirkungen. Zu vielen Mantras gibt es eine Melodie, die ich gerne singe. Musik wiederum aktiviert dieselben Gehirnarreale, die auf Schokolade, Sex oder Drogen reagieren: Es macht uns glücklich.‹
Hier würde Rudi mir zuzwinkern. ›Du zählst einiges auf, was mir besser gefallen würde!‹
›Zusätzlich stärkt Singen unser Immunsystem, der Atem vertieft sich, es entspannt uns. Bereits die alten Chinesen wussten, dass Gesundheit mit Harmonie und Krankheit mit Disharmonie einhergeht. Beim Singen und Summen synchronisieren sich unser Puls, Atmung und Blutdruck. Wenn ich nervös bin, scheinen all meine Zellen wild hin und her zu hüpfen. Wenn ich singe, wirken sie, als würden sie sich an den Händen fassen und einen Ringelreigen tanzen.‹
Ich schaute auf die Uhr. Wann kommt der Arzt denn endlich? Wie gerne hätte ich Rudi gestreichelt! Er lag nur drei Meter von mir entfernt. Wieder summte ich ein paar Mantras vor mich hin. Dann fiel mir ein weiterer Aspekt ein.
›Weißt du, Rudi, mit jedem Mantra assoziiere ich die Situation, in der ich es gelernt habe. Besonders gerne erinnere ich mich daran, wie ich mich mit zwanzig Freunden und Freundinnen in Julies Zimmer in dem Gästehaus des Klosters in Nepal gedrängt habe. Der Duft des Jasminstrauches war hereingeweht und Julies Raum war fast von unserem Gesang geplatzt. Ich singe es dir mal vor.‹
Während ich das Mantra in Gedanken rezitierte, fühlte ich mich in diese Situation zurückversetzt und konnte mich gleichsam wieder in die Geborgenheit dieser Gruppe kuscheln. Ich fühlte mich nicht mehr einsam, sondern wie von einer rosa Wolke getragen.

Endlich kam eine Ärztin. Sie erklärte mir, wenn der Hirndruck zu hoch sei, könnte der Hirnstamm beeinträchtigt werden. In diesem ältesten Teil des Gehirns werden die lebenswichtigen Körperfunktionen gesteuert, er darf nicht beschädigt werden. Wenn die Medikamente nicht wirkten, würden die Ärzte den anderen Teil des Schädelknochens ebenfalls entfernen.
Oh nein!, dachte ich.
»Heißt das, mein Mann hat eine Gehirnprellung?«
Die Ärztin nickte, dabei schaute sie mich an, als wunderte sie sich, dass ich dies nicht wusste. »Er hat ein Schädel-Hirn-Trauma Stufe drei.«
»Wie viele Stufen gibt es?«
»Drei.«
Dieses eine Wort wirkte wie ein Hieb in meinen Bauch. Am liebsten hätte ich mich zusammengekrümmt. Mein Verstand arbeitete auf Hochtouren und ich fragte: »Wo ist der größte Schaden entstanden?«
»Temporal und frontal.«
»Wird er eine Reha bekommen?«
»Natürlich.«
»Wie lange?«
»Solange, wie er braucht, mindestens drei Wochen.«
»Wozu dient die Reha?«
»Alles, was nötig ist: sprechen, gehen, essen.« Erneut sah sie mich erstaunt an.
Während ich mich fragte, warum er dies alles neu lernen müsse, deutete die Ärztin auf Rudi und sagte: »Es kann sein, dass er so in die Reha kommt.«
Wieder fühlte ich mich, als ob ein Schlag mich trifft. Geistesgegenwärtig fragte ich: »Kann es auch sein, dass er gar keine Beeinträchtigung hat?«
Die Ärztin nickte und zog dabei die Schultern hoch.
Vor dem Ende der Besuchszeit schickte ich Rudi in Gedanken einen Abschied und ging. Mir war schwindelig. Jeden Augenblick befürchtete ich, in Tränen auszubrechen. Ich fühlte mich nicht in der Lage, den Bus zu besteigen. Deshalb gönnte ich mir ein Taxi. Ich stieg hinten ein. Glücklicherweise schwieg der Fahrer.
Ich versuchte, mir nicht auszumalen, wie es weitergehen könnte. Das überstieg mein Vorstellungsvermögen. Bis jetzt war ich sicher gewesen, Rudi würde bald wieder der Alte sein. Stimmte dies nicht mehr? Konnte ich meiner Intuition nicht vertrauen?

Julies Rat und viel Hilfe

Ich musste mit jemandem sprechen, die Situation verstehen, und ich gierte nach Ermutigungen. Sobald ich zu Hause war, versuchte ich Julie anzurufen.
Sie ist eine Lehrerin zum Anfassen. Ich kann mit ihr über ihre Katzen oder ihre auffälligen Ohrringe reden und natürlich über meine Meditationspraxis. Aber nur selten benutzt sie das Wort »Buddhismus«. Als einer ihrer Schüler sie gefragt hatte, ob sie Buddhistin sei, hatte sie folgende Geschichte von ihrer Reise durch Ladakh mit ihrem tibetischen Lama Gyalwang Drukpa erzählt: »Unterwegs haben wir einen jungen Franzosen getroffen, der nicht viel über Buddhismus wusste. Er war von Drukpas Freundlichkeit beeindruckt und reiste mit uns weiter. Während einer buddhistischen Zeremonie saß Drukpa in einer prunkvollen Robe auf einem Thron, rezitierte tibetische Texte und vollzog die üblichen Rituale. Der junge Mann rümpfte die Nase, nicht nur wegen des Geruchs der Räucherstäbchen. Um den jungen Mann zu beruhigen, beugte sich Drukpa zu ihm hinunter und sagte: »Weißt du, ich bin gar kein Buddhist.«

Julie lebt in Kalifornien, inmitten der Weinberge von Napa Valley. Wenn sie nicht unterrichtet, gibt sie gerne Ratschläge am Telefon. Sie hat mehrere hundert Schülerinnen, es war nicht einfach, sie zu erreichen. Bei mir war es Abend, dort Vormittag, eine günstige Zeit, und sie nahm ab. Nachdem ich von dem erneut angestiegenen Druck in Rudis Kopf erzählt hatte, fragte sie als Erstes: »Hast du erwartet, dass es heute besser ist?«
Das war nicht die Bemerkung, die ich erhofft hatte. Ich fühlte mich ertappt.
»Für uns ist es furchteinflößend, im Unglauben zu bleiben, was geschehen wird«, erklärte Julie. »Wir versuchen, Situationen in eine bestimmte Richtung zu zwingen. Es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass wir dies nicht können. Dadurch machen wir uns nur unglücklich.«
Diesen Fehler machte also nicht nur ich. Das beruhigte mich. Dabei fiel mir Julies Bericht über ihren letzten Flug nach Nepal ein. Da sie Langstreckenflüge schlecht verträgt, hatte sie auf einen Zettel geschrieben, was ihr helfen könnte, sich wohler zu fühlen. Aber dann hatte sie den Zettel vergessen und die Medizin nicht in ihrer Handtasche gefunden. Sie war auch nur ein Mensch.
»All dies erklärst du mir seit über zwanzig Jahren«, seufzte ich, »aber ich vergesse es immer wieder, besonders, wenn es mir schlecht geht. Was kann ich tun?« Ich nahm einen Stift in die Hand, um ihre Ratschläge als Erinnerungshilfe stichwortartig zu notieren.
»Du kannst einfach deine Empfindungen wahrnehmen, Rudi alles Gute wünschen und den Weisheitswesen diese Situation überlassen, damit das Allerbeste für alle Wesen geschehen kann. Wir können das nicht, die Weisheitswesen schon, sie sind weiser als jeder Mensch.«
Im Buddhismus gibt es keinen Schöpfergott, vielmehr spricht man von Gottheiten. Julie nennt sie Weisheitswesen, was mir besser gefällt. Sie sind vergleichbar mit Engeln im Christentum. Wie es Julies undogmatischer Art entsprach, überließ sie uns die Entscheidung, tibetische Wesen wie Tara auszuwählen oder eine Großmutter, einen Baum oder etwas Ähnliches. Hauptsache, es hilft uns. Einige Buddhisten bestreiten die physische Existenz der Gottheiten und sehen in ihnen lediglich die bildhafte Darstellung der Symbolfiguren. Sie nutzen sie, um sich in der Meditation mit einem Vorbild zu identifizieren. Sich auf Tara zu konzentrieren verstärkt beispielsweise das Mitgefühl der Praktizierenden. Laut einer Legende soll Tara eine Prinzessin gewesen sein, die den Buddhismus in Tibet gefördert und sich sozial engagierte hatte. Mir gefällt sie am besten, ich nehme sie meistens.
»Ich habe Angst«, gestand ich.
»Lass den ›kleinen Geist‹ ängstlich sein, bitte um Hilfe und lass deine Angst ein kleines bisschen gehen.«
Julie redete oft vom »kleinen Geist«, der immer wissen will, was geschehen wird, und dem »großen Geist«, der darauf vertraut, dass alles geschieht, was geschehen soll. Der Neuropsychologe und Buddhist Chris Niebauer ordnet in seinem Buch »Kein Ich, kein Problem« der linken Hirnhälfte dem kleinen Geist zu, der rechten Hirnhälfte dem großen Geist.
»Dein Glaube, Rudi würde bald wieder gesund, ist eine Geschichte, die dein kleiner Geist sich ausdenkt. Der kleine Geist ist nicht schlechter als der große. Wenn du entspannt bist, kannst du in den großen Geist gehen und Rudi das Beste wünschen.«
»Entspannung!«, stöhnte ich. »Das wäre schön!«
»Trink ein Glas Wein, nimm ein heißes Bad oder schau dir einen lustigen Film an«, riet sie.
»Eine Komödie ist eine gute Idee!«, sagte ich. »Außer Zapchen gibt es noch andere hilfreiche Dinge.«
»Ja sicher! Teile deine Präsenz und dein Vertrauen mit Rudi! Zwischen dem kleinen und großen Geist hin und her zu wechseln, stärkt uns. Beides gleichzeitig zu sein, ist eine fortgeschrittene Praxis.«
Zum Schluss fragte sie, wo sich in Rudis Gehirn das Blutgerinnsel befand. Nachdem ich es ihr gesagt hatte, versprach sie, zusammen mit zwei ihrer erfahrenen Schülerinnen, ein »Miracle« zu versuchen.
Sie spricht englisch, versteht allerdings mein Deutsch. Ich wagte nicht, dieses Wort zu übersetzen. Wollte sie etwa mittels Gedankenkraft den Druck in Rudis Gehirn reduzieren?
Ich bedankte mich und legte auf.

Danach versuchte ich erneut Doris anzurufen, diesmal vergeblich. Dafür erreichte ich Amri. Als Neurologin und Psychiaterin kannte sie sich mit Gehirnproblemen aus. Als ich die Gehirnprellung erwähnte, sagte sie:
»Das tut mir leid, dann wird es länger dauern. Aber Rudi kann trotzdem wieder gesund werden. Bei den bildgebenden Untersuchungsmethoden wie Computertomographie kann man sehen, wo eine Blutung stattgefunden hat, jedoch nicht, ob Gehirnzellen beschädigt oder abgestorben sind. Beschädigte Zellen können sich regenerieren und abgestorbene können durch andere Hirnregionen kompensiert werden.«
»Vielen Dank! Das lässt mich wieder hoffen! Der Gehirnschaden soll frontal und temporal entstanden sein. Was bedeutet das?«
»Frontal bedeutet vorne, also hinter der Stirn und mit temporal ist der Bereich seitlich, hinter der Schläfe, gemeint. Vorne liegt ein Teil, der die Gefühle kontrolliert und hinter der Schläfe das Sprachzentrum.«
»Sprachprobleme kann ich mir vorstellen. Aber wie wirkt sich eine Störung im Gefühlszentrum aus?«
Amri zögerte mit der Antwort. Wollte sie mir irgendetwas nicht sagen?
»Heißt das, Rudi wird dann aggressiv sein?«, hakte ich nach.
»Das könnte sein, oder weinerlich. Aber meistens erholt sich das Gewebe auch wieder. Die Fähigkeit des Gehirns, sich selbst zu reparieren, ist erstaunlich.«
Ich atmete auf. »Rudi wird sich sicher wieder erholen.«
»Charlotte, wichtig ist auch, dass du gesund und bei dir bleibst, so kannst du Rudi am besten beistehen. Halte deine Nieren warm! Bei Stress ziehen sie sich zusammen.« Amris Stimme klang angespannt.
»Machst du dir Sorgen um mich?«
Sie ließ sich wieder Zeit mit ihrer Antwort. »Ehrlich gesagt, ja. Das könnte alles zu viel für dich werden.«
»Ich schaffe das schon! Ihr unterstützt mich ja alle. Vielen, vielen Dank!«

Erst später gestand sie mir, dass Frontalhirnschaden oft eine Wesensänderung mit sich bringen – wie genau, kann man nie voraussagen. Außerdem kannte sie mich seit Jahren, hatte in Julies Seminaren meine Vorgeschichte gehört. Als Psychiaterin zweifelte sie, ob ich genug Stärke und Mut hatte, diese schwierige Zeit ohne Schaden zu überstehen. Als Freundin machte sie sich große Sorgen um mich.
All dies hatte sie mir damals nicht sagen wollen. Sie war der Meinung, ich musste mehr als genug verarbeiten.

Um Amris Rat zu befolgen, legte ich mir im Bett eine Wärmeflasche unter den Rücken. Obwohl ich zwei Tabletten schluckte, konnte ich nicht schlafen. In den schwärzesten Farben malte ich mir Rudis mögliche Behinderungen aus. Würden die vielen Treppen in unserem Haus für ihn ein unüberwindbares Hindernis sein, so dass wir umziehen mussten? Würde er sich gar in einen Dauernörgler verwandeln? Das wäre für mich das Schlimmste. Aber das konnte ich mir bei ihm kaum vorstellen. Er war einer der gutmütigsten Menschen, die ich kannte.

Nein, das waren alles nur Phantasien, davon wollte ich mich nicht verrückt machen! Stattdessen versuchte ich, wie Julie mir geraten hatte, meine Präsenz und mein Vertrauen mit Rudi zu teilen. Immer öfter erinnerte ich mich jetzt an den Körper, der sich im Rhythmus der Beatmungsmaschine bewegte. Das Bild von Rudi als munteren Radfahrer verblasste vor meinem inneren Auge. Mir fiel auf, dass ich Fotos, aber keinen Film von ihm hatte, keine Erinnerung an seine gesunden Bewegungen. Ich bemühte mich, mir Rudi als Radfahrer vorzustellen – so als würde er etwa einen Meter rechts vor mir schweben. Dann sprach ich ihm in Gedanken Mut zu und konnte tatsächlich eine Verbindung wahrnehmen. Zumindest mir tat es gut.

In dieser Nacht halfen mir selbst die Mantras nicht. Gegen drei Uhr wachte ich voller Unruhe auf. Um mich von meinen Grübeleien abzulenken, fuhr ich meinen Computer hoch und fand in mehreren E-Mails Trost. Eine Zapchen-Übungsgruppe summte für Rudi, 2000 Leute sangen 108 Mantras. Unser Freund Uli schrieb:
»Danke, dass du uns so intensiv teilhaben lässt an deinem Auf und Ab. Ich glaube, wir alle, ›Die-Charlotte-und-Rudi-Unterstützungsgruppe‹, sind ganz nah bei euch und ihr spürt das auch. Während meiner Meditation seid ihr mit mir und allen, die ich liebe, auf einer großen Blumenwiese und die Tatkraft aller Buddhas strahlt auf uns. Ich bin sicher, das hilft. Wenn es Rudi wieder besser geht, kann er ja Buddhist werden. Dat kost nix extra!«
Einige deutsche Schülerinnen von Julie übersetzten inzwischen meine E-Mails ins Englische, so dass viele mir Ermutigungen aus den USA und Australien schickten. Ich saugte alle mitfühlenden Worte in mich auf.

Während ich vor Rührung und Dankbarkeit weinte, erhielt ich einen Video-Anruf von Birrell, einem Schüler von Julie aus San Francisco. Dort war es Abend. Wie wunderbar war es, liebe Freunde rund um die Welt zu haben! Nachdem Birrell mich getröstet hatte, konnte ich wieder schlafen.

Am nächsten Morgen, Freitag, brummte mein Kopf und der Hals schmerzte. Wenn ich eine Erkältung bekäme, würde man mir den Zutritt zur Intensivstation verweigern. Das durfte nicht passieren! Ich schluckte alles, was ich an pflanzlichen Mitteln zur Stärkung des Immunsystems da hatte.
Als ich die Zeitung holte, erlebte ich schon wieder eine Überraschung: Die Titelüberschrift lautete »Glückszeitung«. Nach einem Feiertag erscheint normalerweise keine Zeitung. Diesmal hatten die Journalisten eine Sonderausgabe nur mit guten Nachrichten zusammengetragen. An diesem Tag meiner tiefsten Verzweiflung wirkte es wie Balsam auf meine Seele. Ich bedankte mich bei der Redaktion mit einem Leserbrief, schilderte kurz Rudis Situation und bat alle, stets einen Fahrradhelm aufzusetzen. Die Glückszeitung steckte ich in meine Tasche und las sie auf der Fahrt ins Krankenhaus.

Bevor ich Rudis Krankenzimmer betrat, holte ich tief Luft, machte mich auf alles gefasst – und erlebte eine Überraschung: Das Messgerät, das seinen Gehirndruck messen sollte, war nicht da und Rudi bekam keine Medikamente mehr, um den Hirndruck zu verringern. Ich traute meinen Augen nicht. Ging es ihm so viel besser? Hatte Julies »Miracle« geholfen?
Die Ärzte hatten keine Zeit.
Ich versuchte, Julies Rat zu befolgen und mir nicht den Kopf zu zerbrechen.

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